đŸ· Oink zum Sonntag # 46: Frischlinge, bitte nicht anfassen 

 

Ich heiße Freya.
Ich bin eine gerettete Sau aus der Massentierhaltung.
Keine Wildsau, keine Mutter – und das ist gut so.

Heute möchte ich euch von der Kinderstube meiner wilden Verwandten erzÀhlen:
von den Frischlingen der Wildschweine.

Wenn im FrĂŒhling und Sommer kleine, gestreifte Frischlinge allein im Wald liegen, löst das bei vielen Menschen sofort Sorge aus.
Sie wirken verlassen. Still. Schutzlos.
Doch oft ist genau das ihre Überlebensstrategie.

WildschweinmĂŒtter lassen ihre Kinder ganz bewusst im Unterholz zurĂŒck, wĂ€hrend sie Nahrung suchen.
Die Frischlinge bleiben regungslos, fast geruchlos, perfekt getarnt.
Was fĂŒr euch nach Einsamkeit aussieht, bedeutet fĂŒr sie Sicherheit. Die Bache ist meist auch nie weit entfernt und verteidigt ihren Nachwuchs vehement.

Im Nest (Kessel) bleiben die Frischlinge die ersten 1 – 2 Wochen.
GesĂ€ugt werden sie bis zum 3. bis 4. Lebensmonat, meist bleiben sie bis zum Alter von 6. Monaten in der Familiengruppe. Die typischen Streifen, die zur Tarnung dienen, verschwinden nach der SĂ€ugezeit (nach 4 – 6 Monaten vollstĂ€ndig). Also junge Wildschweine ohne Streifen fressen in der Regel selbststĂ€ndig.

Darum ist wichtig zu wissen:
Ein Frischling braucht nicht automatisch Hilfe, nur weil er allein ist. Ähnlich wie junge Vögel oder Hasenkinder.

Eingreifen ist nur dann notwendig, wenn ein Frischling
– sichtbar verletzt ist
– apathisch wirkt
– laut und dauerhaft schreit
– oder sich offensichtlich in einer akuten Gefahr befindet, etwa an Straßen, Wegen oder Baustellen

Es gibt jedoch noch eine weitere Situation, in der Frischlinge tatsÀchlich Hilfe benötigen können:
wenn am Vortag eine Jagd stattgefunden hat und die Bache – also die Mutter – geschossen wurde.
In diesem Fall können verwaiste Frischlinge orientierungslos und hilfsbedĂŒrftig zurĂŒckbleiben. Es sollte eine Zeit lang gewartet werden, ob die Frischlinge wirklich verwaist sind.

Aber auch dann gilt:
Frischlinge dĂŒrfen nicht einfach mitgenommen werden.

In den meisten FĂ€llen ist die Mitnahme von Wildtieren gesetzlich verboten, es gilt als Wilderei.
Wenn ein Frischling tatsÀchlich gesichert werden muss, muss der zustÀndige JagdpÀchter/RevierjÀger oder die untere Jagdbehörde des jeweiligen Landes oder eine Polizeistation informiert werden.
Nur mit seiner Zustimmung darf das Tier artgerecht untergebracht und versorgt werden.

Diese Regeln sollen nicht gefĂŒhllos sein.
Sie sollen verhindern, dass Tiere aus gut gemeintem Mitleid heraus Schaden nehmen.
Denn viele Frischlinge, die vorschnell „gerettet“ werden, verlieren dadurch endgĂŒltig ihre Mutter – obwohl sie ohne menschliches Eingreifen ĂŒberlebt hĂ€tten.

Ich selbst habe nie eine Kinderstube gehabt.
Und das empfinde ich nicht als Verlust.
Ich musste keine Kinder in eine Welt setzen, in der so viele Tiere leiden, verfolgt oder benutzt werden.

Vielleicht kann ich gerade deshalb ruhig und klar von denen erzÀhlen,
die draußen noch ihren eigenen Weg gehen dĂŒrfen.
Von Frischlingen, die Schutz brauchen –
und von denen, die man schĂŒtzt, indem man sie in Ruhe lĂ€sst.

Hilfe bedeutet nicht immer Eingreifen.
Manchmal bedeutet Hilfe: Abstand halten. Beobachten. Vertrauen.

FĂŒr die Frischlinge.
FĂŒr ihre MĂŒtter.
FĂŒr ein Leben, das wir nicht besitzen – sondern achten sollten.

Eure
Freya 🐖