🐽 Oink zum Sonntag #36
„Wir sind mehr als Versuchsmaterial“
Hallo ihr Zweibeiner da draußen,
ich bin Hazel. Ein Huhn. Keine Nummer. Kein Objekt. Ein fühlendes Wesen mit Gedanken, Erinnerungen – und einem Herzen, das schneller schlägt, wenn ich Angst habe.
Wenn ihr an Tierversuche denkt, denkt ihr vielleicht an Mäuse oder Affen. Kaum jemand denkt an uns Hühner. Dabei werden auch wir in Laboren eingesetzt: für Tests, Versuche, Forschungen. Still. Unsichtbar. Vergessen.
In diesen Räumen zählen keine Namen. Dort zählt nur, ob ein Körper „reagiert“. Ob er aushält. Ob er verwertbar ist.
Was wir fühlen, spielt keine Rolle.
Dabei können wir lernen. Wir erkennen Gesichter. Wir bauen Freundschaften auf. Wir trauern. Wir spüren Stress, Einsamkeit und Schmerz.
Und doch werden wir im Tierversuch auf Funktionen reduziert – auf Mittel zum Zweck.
Das Leid dort ist oft leise. Kein großes Drama. Keine Bilder, die ihr im Fernsehen seht.
Es ist das Alleinsein. Die Reizarmut. Die Fremdbestimmung. Das Warten.
Tag für Tag.
Wir werden in der Forschung sowohl als ausgewachsene Tiere als auch in Form von bebrüteten Hühnereiern (Embryonen) für verschiedene Arten von Tierversuchen eingesetzt. Wir dienen oft als Modellorganismen, da sie im Vergleich zu Säugetieren einfacher zu handhaben und in der Aufzucht günstiger sind.
Die wichtigsten Bereiche für den Einsatz im Tierversuchen sind:
Impfstoffherstellung und Virologie:
Bebrütete Hühnereier sind seit langem der Standard zur Kultivierung von Viren für die Produktion von Impfstoffen (z. B. Grippeimpfstoffe).
HET-CAM-Test (Toxikologie):
Der Hühnerei-Test auf der Chorioallantoismembran (CAM) wird als Ersatz für den klassischen Draize-Test am Kaninchenauge verwendet. Dabei wird untersucht, wie stark Substanzen (z. B. in Kosmetika oder Chemikalien) Schleimhäute reizen.
Entwicklungsbiologie und Krebsforschung:
Hühnerembryonen eignen sich gut für Studien zur Embryonalentwicklung, Gewebeverpflanzung und zur Erforschung von Gefäßwachstum (Angiogenese) sowie Tumorwachstum.
Immunologie (Antikörperproduktion):
Wir werden zur Herstellung von Antikörpern genutzt, die in der diagnostischen Forschung verwendet werden. Dies geschieht oft durch Entnahme aus dem Eidotter, was als Alternative zur blutigen Antikörpergewinnung bei Säugetieren gilt.
Landwirtschaftliche Forschung:
Studien zur Optimierung von Fütterung, Haltung, Impfungen und zur Verbesserung des „Tierwohls“ (z. B. Haltungsbedingungen).
Grundlagenforschung:
Untersuchungen zur Genetik, Immunreaktionen und spezifischen Krankheitsmechanismen.
Hinweis zu Hühnerembryonen: Eingriffe an bebrüteten Hühnereiern bis zum letzten Drittel der Brutzeit gelten in Deutschland nach Tierschutzgesetz oft nicht als „Tierversuch“ im strengen Sinne und werden daher häufig als Ersatz- oder Ergänzungsmethode propagiert.
Ich erzähle euch das nicht, um euch zu beschuldigen.
Ich erzähle es, weil Hinsehen der erste Schritt ist.
Denn solange wir Tiere nur als „Material“ betrachten, fällt es leicht, unser Leiden zu übersehen.
Aber wir sind mehr. Mehr als Körper. Mehr als Versuchsmodelle. Mehr als Zahlen in einer Statistik.
Ich wünsche mir, dass ihr uns nicht länger überseht.
Dass ihr fragt, hinterfragt, laut werdet.
Denn jedes Lebewesen, das fühlen kann, verdient Achtung – auch hinter verschlossenen Türen.
Eure Hazel
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