„Sind doch nur Schweine…“

Es war kurz vor 12 Uhr, als wir am 30.03.2021 vom Brand in Alt Tellin erfuhren. Geteilt über unsere WhatsApp Gruppe, die wir für unser neues Projekt Schweineleben einige Wochen zuvor eingerichtet hatten. Wir alle waren entsetzt und konnten nicht fassen, dass ein Stall mit – laut Pressemitteilung – 5000 Tieren brennen würde.
Doch das war erst die anfängliche Meldung und unsere Hoffnung, dass nicht noch viel mehr Schweine verbrennen würden, war vergeblich. Am Ende dieses furchtbaren Höllentages mussten wir erfahren, dass etwa 57.000 Schweine in diesem Inferno ums Leben gekommen waren.

Doch außer in speziellen Tierschutzkreisen und den lokalen Medien, wurde der Meldung über das Fukushima der Tierindustrie, wie wir es nannten, nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Während beim Silvesterbrand im Krefelder Zoo nur einige Monate zuvor scheinbar ganz Deutschland um die verbrannten Tiere trauerte, waren fast 60.000 verbrennende Schweine für die Deutschen irrelevant. In den sozialen Medien geisterten sogar Kommentare wie „Esst sie, solange sie noch warm sind…“. Deutschland zeigte kein Mitgefühl, keine Empathie und keine Reue. Waren ja „nur Schweine“. Tiere niedrigster Kategorie, für die wir sogar das Wort Tierschutz abgeschafft haben und fortan nur von „Tierwohl“ reden.

Als Kämpfer:innen für die Rechte der Schweine konnten wir das nur schwer ertragen. Das Inferno selbst hat uns verzweifeln lassen. Die Vorstellung, wie die Tiere, eingesperrt in enge Kastenstände, verbrannten und erstickten, brachte uns buchstäblich wochenlang um den Schlaf.

Wir konnten auch nicht fassen, dass das Schicksal der überlebenden Schweine ungeklärt blieb und in keiner Meldung über den Brand Erwähnung fand. Nach Kontaktaufnahme mit Tierschützer:innen vor Ort, die das Inferno verfolgten, wurde dort zunächst die Vermutung geäußert, dass die überlebenden Schweine allesamt nach Polen in Schlachthöfe verbracht wurden. In einer dünnen Pressemeldung auf der Website der LFD Holding hieß es jedoch, dass die Tiere in einen weiteren Betrieb der Firma gebracht wurden und es „ihnen gut ginge…“. Konnte man der LFD nach so vielen Jahren der Vertuschung und diversen Vorfällen in Alt Tellin überhaupt trauen?

Wir fassten umgehend den Entschluss, für mindestens zwei der überlebenden Schweine einen Lebensplatz zu organisieren. Wir wollten ein Zeichen setzen gegen Gleichgültigkeit und für eine Umkehr zu einer moralischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die alle Tierleben als wertvoll erachtet. Eine solche Gesellschaft hätte alles daran gesetzt, dass ein solcher Stall niemals gebaut wird oder das die überlebenden Tiere wenigstens nicht in eine weitere Hölle gebracht werden.
Unsere Helga und Gundel, wie wir sie später nennen wollten, sollten als Botschafter und lebendige Erinnerung an die schlimmste Katastrophe der europäischen Schweine-Industrie ein Zeichen setzen. Zusammen mit unserer Aktion „57 Kreuze für 57.000 Schweine“ und weiterer Berichterstattung zum Thema Alt Tellin durch uns und andere Tierrechtsvereinigungen.
Aus unserem Projekt „Schweineleben“, das wir nur Wochen zuvor ins Leben gerufen hatten, wurde zudem der Verein Schweineleben e. V., der sich zum Ziel setzte, für das Recht auf Leben und körperliche sowie geistige Unversehrtheit der Schweine einzutreten.

Doch wie sollten wir die Wahrheit über die 1500 überlebenden Schweine von Alt Tellin erfahren? Waren sie überhaupt noch am Leben? Oder schon längst in polnischen Schlachthöfen hingerichtet worden? Diese Frage würde uns noch viele Wochen und Monate hinter den Kulissen beschäftigen. Und uns durch ein Wechselbad der Gefühle schicken.

Welche Kontakte wir dabei suchten und welche Enttäuschungen wir dabei erleben mussten, erzählen wir im dritten Teil unserer Artikel-Reihe, in dem Politiker der CDU die unrühmliche Hauptrolle spielen.